Die Geschichte der Pfarrkirche „Maria Himmelfahrt“

Eine der Sehenswürdigkeiten Tiengens: Die katholische Pfarrkirche „Maria Himmelfahrt“. Sie wurde vom Vorarlberger Baumeister Peter Thumb in den Jahren 1753 bis 1755 erbaut. Vor diesem barocken Bau stand am gleichen Platz eine romanische und eine gotische Kirche.

Die Tiengener Pfarrkirche „Maria Himmelfahrt“ liegt auf einem nach Norden auslaufenden Felssporn über der Stadt, in unmittelbarer Nähe zum Schloss. Archäologische Grabungen ergaben 1967/1968, dass der „Kirchenbuck“ geschichtlicher Boden ist. Man fand römisches Mauerwerk, vermutlich Überreste eines Wachturms.

In einer Urkunde aus dem Jahr 858 findet der Ort erstmals urkundliche Erwähnung, als der Priester Swab „bei Tiengen vor versammelter Bevölkerung des Alpgaus“ seine Liegenschaft dem Kloster Rheinau vermachte. Dies deutet darauf hin, dass hier wohl schon im 8.Jahrhundert eine Kirche stand, über deren Aussehen allerdings nichts bekannt ist. Unzweifelhaft dürfte Tiengen zu den Urpfarreien des südlichen Schwarzwaldes gehört haben, zumal bis tief ins Mittelalter die Orte Aichen, Krenkingen, Detzeln und Breitenfeld sowie Unter- und Oberlauchringen zu der hiesigen Pfarrei gehörten. Bei Grabungen wurden Spuren einer kleinen Kirche gefunden, in der nachweislich 1146 Bernhard von Clairvaux den Kreuzzug gepredigt hat.

Im Laufe der Zeit wurde der Kirchenbau mehrmals erweitert. Die gotische Kirche, die Anfang des 15. Jahrhunderts errichtet worden war, ließ Graf Alwig von Sulz 1572 erweitern. Bei dem barocken Umbau, der die Kirche in den heutigen Zustand versetzte, musste auf Anordnung des Fürsten Josef Adam von Schwarzenberg der untere viereckige Part des gotischen Teils des Kirchturms stehen bleiben und in den Neubau des Langhauses integriert werden. Im unteren Turmgeschoss, in dem sich heute die Sakristei befindet, sind noch Teile eines gotischen Sakramenthäuschens und Reste von Wandmalereien erhalten.

 

Vom gotischen Bauwerk zur barocken Perle

Die jetzige Kirche wurde im Barockstil von Peter Thumb (1681-1766) erbaut. Peter Thumb war ein typischer Vertreter des Vorarlberger Barocks, einer regionalen Spielart des barocken Baustils. Er war einer von 100 Meistern aus der Maurerzunft des Michael Beer in Vorarlberg. Peter Thumb entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem der bedeutendsten Barockbaumeister Süddeutschlands. Zu den wichtigsten Werken Thumbs gehören u.a. auch St.Peter im Schwarzwald, Waldkirch, Hilzingen, St.Gallen und die weltberühmte Klosterkirche Birnau am Bodensee.

Bei seinen letzten Kirchen, der Stadtpfarrkirche in Tiengen und der Stiftskirche St. Gallen verwendete der Baumeister Wandpfeiler ohne Emporen. Weil in Tiengen der Turm der gotischen Kirche stehen bleiben musste, konnte der Höhenunterschied vom niedrigeren Chorraum zum hohen, neuen Gewölbe nicht überbrückt werden. Daher zog Thumb eine Mauer ein, so dass die neue Kirche keinen eigentlichen Chorraum besitzt. Eine Saalkirche ohne Chor verlangte jedoch eine Gliederung des Raumes. Deswegen griff Thumb aus gestalterischen Gründen auf die Wandpfeiler der früheren Jahre zurück und löste das hier auftretende Problem in einfacher, aber vollendeter Weise. Die Tiengener Pfarrkirche ist ein besonders gelungenes Beispiel für das Zusammenwirken der verschiedenen Kunstgattungen, von Architektur, Malerei und Plastik. Meist arbeiteten Stuckateur und Maler Hand in Hand und bewirkten so eine harmonische Ausgestaltung des Raumes.

 

Reiche Ausstattung mit kunstvollem Handwerk

Der hiesige Stuckhandwerker war der Wessobrunner Meister J. G. Gigl (1710-1765). Die Arbeiten in der Pfarrkirche von Tiengen, die 1753/54 ausgeführt wurden, zeigen Gigl als Meister seines Faches. Die Stuckierung wurde in der Wandzone sehr sparsam eingesetzt, wogegen sie sich in der Deckenzone reich ausbreitet. Die Ornamente sind meist in zartem Grün gehalten, teilweise mit rosafarbenem Grund hinterlegt. Besonders schön sind die Umrahmungen der Zwickel-bilder, die übermütig in die Kuppelräume hineinspielen. Die malerische Ausgestaltung der Kirche wurde dem damals 27-jährigen Eustachius Gabriel (1727-1774) aus Bad Waldsee in Oberschwaben anvertraut. Es war wohl die erste größere Arbeit, die der junge Künstler erhielt. Darum vermerkte er am unteren Rand des mittleren Deckenbildes mit Stolz: „Eustachius Gabriel, entworfen und ausgeführt im Jahr 1754.“ Das Programm der Deckenbilder wurde auf das Patrozinium der Kirche „Mariä Himmelfahrt“ abgestimmt.

Die Kanzel ist verhältnismäßig jung. Sie wurde erst 1832 nach einem Entwurf des Tiengener Stadtbaumeisters Sebastian Fritschi ausgeführt. Trotz ihrer klassizistischen Formensprache fügt sich die Kanzel gut in den barocken Kirchenraum ein.

Die erste Orgel der Tiengener Pfarrkirche wurde 1681 von dem Konstanzer Orgelbauer Elias Keberle gefertigt. 1957 erhielt die Kirche durch die Orgelbauwerkstätte Johannes Klais in Bonn ihr heutiges Orgelwerk mit drei Manualen, freistehendem Spieltisch und elektrischen Kegelladen. Überaus harmonisch fügt sich der kunstvolle, mit filigranen Goldranken gezierte barocke Orgelprospekt in die obere Emporenbrüstung ein. Die gute Akustik der Kirche macht die hier aufgeführten Konzerte zu einem besonderen Erlebnis.

Die Tiengener Pfarrkirche wurde 1976/1978 umfassend renoviert und weitgehendst auf den barocken Bauzustand zurückgeführt. Helle Fenster, die dem Innenraum die notwendige Lichtfülle geben, ersetzten die bemalten Kirchenfenster des 19.Jahrhunderts. Alle Übermalungen, besonders die der Altäre wurden entfernt und die Grisaillen (Fresken in Grautönen) wieder freigelegt. Statt moderner Lampen geben jetzt barocke Lüster strahlendes, festliches Licht.