Die Alte Ölmühle in Tiengen
Zusammenfassung von Kurt Benda, 1. Vorsitzender Ölmühleverein / 2002
Eine Lebensader des früheren handwerklichen Lebens im alten Städtle Tiengen war der Tal- oder Stadtbach. Er trieb die Schlossmühle an (seit über 100 Jahren ist sie im Besitz der Familie Hilpert).
Die Ölmühle wird erstmals 1718 erwähnt. Ab hier hieß im Volksmund der Bach auch Mühle-- oder Ölebach. Den Bach benötigten aber auch andere Handwerkszweige für ihre Arbeit: z.B. die zahlreichen Küfer und Gerber. Auch für die Stadtmetzig war der Talbach wichtig.

Ursprünglich war die Ölmühle außerhalb der alten Stadtmauer angebracht; sie arbeitete mit leicht brennbarem Material und war daher für die alten Holzhäuser des Mittelalters viel zu gefährlich. Gegenüber der Ölmühle stand über Jahrhunderte als treuer Wächter der sogenannte „Dicke Turm“. Das war einer der Rundtürme der alten Befestigungsanlagen. Durch die Fahrgasse trieben die Bauern des Städtles das Vieh auf die Weide. Man nannte das „ausfahren“ bzw. am Abend „heimfahren“ - daher stammt der Name „Fahrgasse“.

Über die Zeit der Erbauung der Ölmühle ist nichts überliefert. Das Jahr 1718 ist der erst Anhaltspunkt. Mit Sicherheit ist sie jedoch viel älter. Zu jener Zeit stand die Ölmühle in der Fahrgasse weitgehend allein. Später kamen eine Gerberei, Hafnereien und eine Lohstampfe hinzu. Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde von der Stadt noch ein Waschhaus erbaut.

Das Werk der Ölmühle ist denkbar einfach, aber sehr praktisch. Durch das oberschlächtige Wasserrad wird die Wasserkraft für jeden einzelnen Arbeitsvorgang optimal genutzt. Verarbeitet wurden alle Früchte aus denen Öl gewonnen werden kann (z.B. Bucheckern, Leinsaat, Walnüsse, Raps, Sonnenblumenkerne, Mohn usw.).

Die Ölfrucht wurde zunächst zwischen zwei Walzen zerquetscht und dann in einer schwenkbaren Rührpfanne zum Erhitzen gebracht. Ungefähr 22 Pfund ergaben einen „Druck“, der durch eine Rührvorrichtung ständig umgerührt und in Bewegung gehalten wurde, um ein Anbrennen der Masse zu verhindern. Wenn die Ölfrucht genügend erhitzt war, wurde sie in ein Tuch geschlagen und kam in die Presse. Der Ölmüller bediente den Pressebalken zuerst mit der Hand und nahm dann die Wasserkraft zu Hilfe, um das Öl so herauszupressen, dass vom „Druck“ nur der trockene Ölkuchen übrig blieb. Vielen Tiengener Kindern der Nachkriegszeit ist das „Ölebrot“ aus der Ölmühle noch in guter Erinnerung.

Der obere Teil des Pressstuhles hat ein Ausmaß von 70 x 60 cm, während die Seitenteile 40 x 60 cm messen. Das Trottbett ist 110 cm lang und 70 x 50 cm stark. Die eingekerbten Buchstaben HT mit der Jahreszahl 1858 erinnern an den damaligen Ölmüller Hans Thoma. Er betrieb zur Öle noch eine Gipsmühle.

Die Baumnüsse mussten zuerst zerstampft werden, eh sie eben-falls in der Rührpfanne und Presse weiter verarbeitet wurden. Früher wurden sehr viele Nussbäume gepflanzt, bei der musste (Jahrzehnte lang) eine Steuer abgeliefert werden. Das Steinobst war abgabenfrei.

Im Standbett der Öle befinden sich drei Löcher, sie werden mit Nüssen gefüllt. Durch eine Zapfwelle werden die Holzstampfer durch die Wasserkraft angehoben und wuchtig wieder fallen gelassen (Gleichstand). Bei Quetsche und Stampfe besteht eine Verbindung zum Wasserrad und es ist äußerst interessant, das vielfältige Ineinandergreifen des hölzernern Räderwerkes zu beobachten. Am 01. März 1956 verstarb die letzte Müllerin der alten Tiengener Ölmühle, Frau Luise Mutter, geborene Roder (aus Dangstetten). Der badische Hofrat Christian Roder (1845 - 1921) war mit ihr nahe verwandt. Er hatte bei den Dorfkindern in Dangstetten den Beinamen „Guzzele-Onkel“. Das Geschlecht der „Mutters“ stammt vom Hotzenwald; am 06. Juli 1931 starb Leo Mutter, dessen Vater Peter Mutter (1855 – 1934) gewesen ist. Er hatte eingeheiratet. Das Mädchen war eine Waise, und wurde von der Ölmühlenbesitzerfamilie Gerstner angenommen.

Das Einzugsgebiet der Ölmühle war außerordentlich groß. Es reichte von St. Blasien bis zum Rhein und von Bad Säckingen bis Jestetten. Die Schweizer Kunden brachten ihre Ölfrüchte mit der Fähre nach Kabelburg, der Ölmüller aus Tiengen nahm sie am Zoll entgegen. Anschließend fuhr er mit seinem mit zwei Kühen bespannten Wagen nach Tiengen. War der „Druck“ fertig, brachte er seiner Kundschaft mit seinen beiden Kühen das begehrte Öl nach Kabelburg. Außer der Ölmühle trieb der Ölmüller noch eine Landwirtschaft um und unter eine Brennholzsäge.

Eine letzte Blütezeit erlebte die Alte Ölmühle im vergangenen Krieg, als die Bauern aus der ganzen Nachbarschaft und aus den Kreisen Säckingen und Neustadt kamen. Oft musste die Ölmüllerin vom frühen Morgen bis spät in der Nacht auf den Beinen sein. Den trockenen Rest nach dem „Druck“ nahmen die Bauern als Viehfutter mit. Aber Frau Mutter hatte immer so viel übrig, dass sie in der schweren Kriegs- und Nachkriegszeit den Kindern ein Stück nahrhaften Ölkuchen, das „Ölebrot“ zustecken konnte.

Eine Besichtigung der Tiengener Ölmühle aus dem Mittelalter ist möglich nach vorheriger
Anmeldung bei Kurt Benda, Tel. 0 77 41/47 33